Diakonie-Chef: „Wir müssen lernen, aus der Sicht der Betroffenen zu denken“

10.04.2019

Mag. Josef Scharinger

Josef Scharinger über den Wandel und die neuen Herausforderungen für das Diakoniewerk

„Verantwortung im Wandel“ war das Thema der Jahrestagung des Diakoniewerks im OÖNachrichten-Forum in den Promenaden-Galerien in Linz. Danach sprachen die OÖN mit dem Vorstandsvorsitzenden Josef Scharinger über Wandel, Herausforderungen und die Karfreitags-Diskussion.

OÖNachrichten: Vor welchen Herausforderungen steht das Diakoniewerk heute?

Josef Scharinger: Die Geschwindigkeit des Lebens und die Technologie stellen die Menschen vor neue Herausforderungen und betreffen auch die Sozialarbeit. Wobei der Wandel alle betrifft. In manchen Bereichen profitieren die Betroffenen enorm, etwa durch technologische Hilfen in der Kommunikation. Dadurch bekommen Menschen mit Behinderungen die Chance, wieder am Leben teilzuhaben. Uns beschäftigt als Diakoniewerk auch die Frage, wie weit wir die Digitalisierung nutzen.

Ist die Digitalisierung Fluch oder Segen?

Ich glaube, wir können da gelassen sein. Vieles ist hilfreich, aber es wir die Frage sein, wie wir mit den Möglichkeiten umgehen. Und das ist für jeden entscheidend, von den Führungskräften bis zu jedem Mitarbeiter. Die Menschen sind aber der zentrale Faktor.

Wie gehen Sie dann mit dem Zwang zum Sparen um, der von außen Druck erzeugt?

Da können wir relativ wenig tun, aber aufzeigen müssen wir finanzielle Einschnitte immer wieder. Wenn die Politik will, dass persönliche Anwesenheitszeiten in der Betreuung von Menschen gekürzt werden, dann muss sie dazu stehen, dass es weniger Dialog und Bezugsmöglichkeiten gibt.

Erzeugt die Spardiskussion Frustration bei ihnen?

Nein, weil ich zu lange dabei bin und unterschiedliche Wellen erlebt habe. Wir waren schon öfter an einem Punkt, wo wir gesagt haben, es geht nicht mehr. Die Ausgangsvoraussetzungen waren wesentlich anders. Mittlerweile hat man anerkannt, dass soziale Arbeit und die Gesundheitsarbeit ein ungeheurer Stabilitätsfaktor sind. Ich bekenne mich zum Dialog und halte Anweisungen totalitärer und autoritärer Art für nicht gut.

Was sagen Sie zur Karfreitagslösung?

Viel blöder kann man das nicht machen. In der Diakonie wollen wir den Streit nicht haben und haben deshalb von vorne herein den Karfreitag frei gegeben.

Welche Verantwortung hat das Diakoniewerk in Zukunft?

Wir müssen lernen, aus der Sicht der Betroffenen zu denken. Es geht um die Autonomie der Menschen, für die und mit denen wir arbeiten. In diese Richtung müssen wir uns entwickeln. Menschen mit Behinderungen wollen Assistenzleistung und keine Organisation ihres Lebens. Da dreht sich im Moment eine Einstellung. Im Pflegebereich haben wir das noch stärker. Traditionelle Altenheime führen wir nicht mehr, Hausgemeinschaften treten an ihre Stelle. Verkleinerte Wohnformen werden auch im Bereich der Altenbetreuung kommen.

Als mit den „Boosianern“ alles begann

Die Ursprünge des Diakoniewerks Gallneukirchen liegen am Anfang des 19. Jahrhunderts, als der katholische Pfarrer Martin Boos in Gallneukirchen wirkte. Mit ihm wandte sich ein Teil der Gläubigen vom katholischen Glauben ab, die so genannten „Boosianer“ aus denen später die evangelische Pfarrgemeinde hervorging. Um 1864 erfuhr Pfarrer Ludwig Schwarz von Boos und den Boosianern. Er ließ sich von Görz nach Gallneukirchen versetzen und wurde Pfarrer der neu gegründeten evangelischen Pfarre. 1874 gründete er den „Verein für Innere Mission“. Um Fachkräfte für die Hilfe und Pflege von hilfsbedürftigen Menschen zu bekommen, griff der Verein auf die Tradition der Diakonissen wirkten bald über Oberösterreich hinaus. Sie waren fast im gesamten Gebiet der damaligen Donaumonarchie tätig. In den 1960er-Jahren ging die Zahl der diakonischen Schwestern deutlich zurück. Dennoch konnte das Wirken des 1971 in „Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen“ umbenannten Sozialunternehmens mit weltlichen Mitarbeitern ausgebaut werden. Heute ist das Diakoniewerk im Sozial- und Gesundheitsbereich mit rund 3800 Mitarbeitern in Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Wien und an Auslandsstandorten (Rumänien, Bosnien-Herzegowina) tätig.

 

Quelle: Nachrichten