Leicht verständliche Sprache und der Abbau von Barrieren

08.01.2016

Barrierefreie Gebäude, barrierefreier öffentlicher Verkehr, Kulturangebote ohne Barrieren: Mit 1. Jänner endeten sämtliche Übergangsbestimmungen für die Umsetzung der Barrierefreiheit in Österreich. Die Ausnahme sind Bundesgebäude, die wegen der Menge bis 2019 eine verlängerte Frist haben.

Barrierefreiheit ein Muss

Gemäß dem Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz muss nun der Zugang zu angebotenen Waren und Dienstleistungen barrierefrei sein. Wer glaubt, Barrierefreiheit auf einen rollstuhlgerechten Zugang zum Geschäft oder WC beschränken zu können, irrt.

Barrierefreie Kommunikation und Information ein Muss

Barrierefreiheit bezieht sich nicht nur auf Gebäudeumbauten, sondern auch auf Kommunikation und Information.

Brailleschrift und Gebärdensprache genügen hier nicht. Genau dieses Kapitel der Barrierefreiheit wurde aber offenbar am häufigsten überlesen. Denn während Gebäudeumbauten zwar auch noch nicht vollständig umgesetzt, aber dennoch vorangeschritten sind, so sind eine barrierefreie Kommunikation und Information noch lange nicht erreicht. Und das, obwohl diese schon seit dem Jahr 2006 fix gelten und die Übergangsfrist für Webseiten bereits 2008 geendet hatte.

Der Hintergrund

Mit 1. Jänner 2016 trat das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz von 2006 nach einer zehnjährigen Übergangsfrist in vollem Umfang in Kraft: Niemand darf aufgrund einer Behinderung unmittelbar oder mittelbar diskriminiert werden.

Im Bereich Kommunikation und Information sind im engeren Sinn - bezogen auf das Gesetz - "Menschen mit Lernschwierigkeiten" betroffen, deren Zahl bei 85.000 (Statistik Austria) liegt.

Im weiteren Sinne gibt es in Österreich knapp eine Million Menschen, die sich beim Lesen nicht leicht tut. Zum Vergleich: Rollstuhlfahrer gibt es laut Aufzeichnungen der Statistik Austria rund 50.000, Gehörlose rund 2000 und rund 3000 Blinde.

Informationen sollen ankommen

Mithilfe leicht verständlicher Sprache wird aus umständlichen und komplizierten Information, die verständlich ist.

In Österreich hat das Social Franchise Netzwerk capito rund 170 Kriterien erarbeitet, die ein Text erfüllen muss ("Leicht Lesen. Der Schlüssel zur Welt", www.capito.eu). Diese Qualitätsstandards sind TÜV-geprüft. Wer sie erfüllt, erhält das "Leicht Lesen"-Gütesiegel.

Um sicher zu stellen, dass die Texte tatsächlich beim Zielpublikum ankommen, werden sie von Prüfgruppen getestet.

Wo ist leicht verständliche Sprache wichtig?

Als besonders wichtig gilt leicht verständliche Sprache bei rechtlichen Vorschriften, bei Wohnungsfragen und Mieten, in der Schuldnerberatung oder in allgemeinen finanziellen Fragen.

Angebot

Ihren Ursprung hat "Leichte Sprache" in den USA. Zur Jahrtausendwende kam sie nach Europa und verbreitete sich zunächst in Deutschland mit Bremen als geografischem Zentrum. Während in Österreich einschlägige Anbieter wie capito  noch eher selten zu finden sind, bieten im Nachbarland Deutschland bereits mehr als 80 spezialisierte Büros Übersetzungen an. Parteien, Politiker, Ministerien, Gemeinden und Unternehmen greifen darauf zu.

Weniger Rückfragen durch "Leicht Lesen"

In Österreich sind schon große Firmen wie die Bank Austria, die ÖBB und die Österreichischen Lotterien auf den Zug der Barrierefreiheit aufgesprungen und haben darüber in einer Fachtagung berichtet. Fazit: Wer seine Kundinnen und Kunden kurz und prägnant über Wesentliches informiert, habe deutlich weniger Rückfragen per Telefon und per E-Mail, hieß es.

Das wird seitens des Landes bestätigt. Denn hier gibt es Bescheide in Leicht Lesen. Seitdem das Land Bescheide in Leicht Lesen ausgibt, gibt es tatsächlich weniger Rückfragen und weniger Bescheidbeschwerden.

Denn diese Art der Barrierefreiheit ist nicht nur für rund zehn Prozent der Österreicherinnen und Österreicher essenziell. Zählt man Menschen mit Beeinträchtigungen dazu und all jene, die eine andere Erstsprache sprechen, ist sie für 40 Prozent eine wichtige Stütze. Und für 100 Prozent ist sie einfach komfortabel.

(Quellen: Wiener Zeitung, Leichte Sprache und der Abbau von Barrieren, 2. Jänner 2016; Land - Abteilung Soziales)

(von KI-I)