Geschwisterkinder: „Wo bleibe ich?“

15.04.2019

Zeit einplanen, Fragen beantworten, Wünsche ernst nehmen: Geschwister von kranken und behinderten Kindern brauchen besondere Aufmerksamkeit

Der Schock sitzt tief: Wenn Eltern von der Behinderung oder einer schweren Erkrankung ihres Kindes erfahren, wird das ganze Leben auf den Kopf gestellt. „Es wird viel geweint und die Familie durchlebt einen Trauerprozess“, sagt Psychologin Elisabeth Kuhn, die seit 20 Jahren mit solchen – wie sie sagt – „besonderen“ Familien arbeitet.
Was dann folgt, kennen alle betroffenen Eltern: Es beginnt ein Marathon von Krankenhaus zu Krankenhaus, von Therapie zu Therapie. Auch die Pflege im Alltag verschlingt viel Zeit. Alle Augen blicken auf das betroffene Kind. „Diese Eltern leisten Großartiges“, will Kuhn keinesfalls ein schlechtes Gewissen machen.

Den Blick schärfen  

Und doch: Auch den Geschwistern der kleinen Patienten Aufmerksamkeit zu schenken, ist in diesen Fällen ein wichtiges Ziel. Sie sind durch die Situation verunsichert, fühlen sich zu wenig beachtet, haben oft ein schlechtes Gewissen, weil sie etwas besser können als der kranke Bruder oder die behinderte Schwester. Oft kann man mit den oder der nicht einmal streiten. In vielen Familien ist das kranke Kind von allen Aufgaben befreit und Rücksichtnahme ist Pflicht. Kuhn will den Blick der Eltern für die Situation ihrer gesunden Kinder schärfen und gibt für den Alltag folgende Tipps:

  • „Wo bleibe ich?“, fragen sich die gesunden Kinder. Man sollte sie bewusst stärken und loben. Was jeder gut kann, wird auf einem Plakat formuliert oder gezeichnet.
  • Die Möglichkeit geben, Gefühle zu äußern. Ein Kind darf sagen, was es freut oder ärgert. Auch wenn der Bruder oder die Schwester krank sind.
  • Ein Familienrat, bei dem die Probleme aller Familienmitglieder besprochen werden, kann eine gute Idee sein. Wöchentlich oder einmal im Monat. Bei kleinen Kindern kann man mit Emojis arbeiten, um Gefühle zu symbolisieren.
  • Damit wichtige Themen nicht in Vergessenheit geraten: Jeder darf Zettel in eine Familienbox werfen, die gemeinsam aufgearbeitet wird – zum Beispiel beim Familienrat.
  • Bewusst Zeit für das Geschwisterkind reservieren und zu diesem Zeitpunkt nur mit ihm spielen, Geschichten lesen oder einen Ausflug machen. Ein Schild „Diese Zeit gehört dir“ kann den Prozess begleiten.
  • Rituale einführen. Zum Beispiel gemeinsam zum Bäcker gehen, während das andere Kind in der Therapie ist.
  • Hilfreich kann eine Vertrauensperson – Tante, Onkel, Freundin – sein, bei der das Geschwisterkind Sachen besprechen kann, mit denen es seine Eltern vielleicht nicht zusätzlich belasten möchte.
  • Wenn Fragen zur Krankheit oder Behinderung auftauchen: sich Zeit für die Antworten nehmen, die die Kinder dann auch parat haben, wenn ihre Freunde zum Beispiel fragen: „Warum kann dein Bruder eigentlich nicht gehen?“
  • Grenzen, Regeln und Pflichten gelten für alle Familienmitglieder. Auch für das behinderte oder kranke Kind. Aufgaben können an die jeweiligen Fähigkeiten angepasst werden.
  • Streit und Konflikte dürfen auch zwischen gesundem und krankem Kind sein. Dazu gehört auch, sich wieder zu versöhnen.
  • Geschwisterkinder dürfen ihren eigenen Weg gehen und ihr eigenes Leben aufbauen.  

Oft entfalten Geschwisterkinder besondere soziale Fähigkeiten, sind toleranter und hilfsbereiter als andere Kinder. Sie entwickeln sich in vielen Fällen zu starken Persönlichkeiten mit einem feinen Gespür für Ungerechtigkeiten. „Weil das Leben in ihren Familien von den Idealen in unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft abweicht, kann ihnen das zu schaffen machen“, sagt die Psychologin. Meist bleiben Geschwisterkinder mit ihren behinderten oder kranken Brüdern und Schwestern ein Leben lang verbunden.

Quelle: OÖNachrichten