Wie im Dorf: Jung und Alt wohnen, streiten, feiern miteinander

07.05.2018

Nachbarschaftliches Wohnprojekt in Engerwitzdorf: Könnte so das Zusammenleben der Zukunft aussehen?

Die Menschen werden älter und wollen oft nicht in Seniorenheime, sondern viel lieber in den eigenen vier Wänden wohnen. „Die Betreuung der Älteren ist eine große Herausforderung für die Zukunft“, sagt Daniela Palk vom Diakoniewerk. Damit aber Menschen mit besonderen Unterstützungsbedürfnissen, also Ältere und auch Beeinträchtigte, möglichst lange zu Hause leben können, braucht es besondere Wohnformen: generationenübergreifend und mit speziellem Augenmerk auf die Nachbarschaft. „Das gilt sowohl für bestehende als auch für neue zu errichtende Quartiere“, erklärt Palk. Das erste derartige Projekt des Diakoniewerks Oberösterreichs ist „LeNa“ (Lebendige Nachbarschaft) in Engerwitzdorf.

„Generationen-Wohnen ist ein großes Thema und auch die De-Institutionalisierung, also die Menschen in normalen Lebenssituationen unterzubringen“, sagt Michaela Moser, Professorin am Institut für Soziale Inklusionsforschung an der FH St. Pölten. Sie hat das Wohnprojekt in Engerwitzdorf wissenschaftlich betreut. Seit Dezember 2016 wohnen in der vom der ELAG errichteten Anlage 52 Menschen in 45 Wohneinheiten, darunter Familien mit Kindern genauso wie Senioren und vier Menschen mit Beeinträchtigung.

Mit dem Projekt verbunden

„Dabei geht es auch um eine neue Form der Gemeinschaft, nach der die Menschen suchen“, sagt Moser. Wichtig ist nicht nur, dass unterschiedliche Menschen teilhaben können, sondern auch, dass sie sich mit dem Wohnprojekt verbunden fühlen. „Im Idealfall bildet der Mix der Menschen einer derartigen Wohnanlage das gesellschaftliche Leben ab“, sagt Palk, Expertin für Quartiersarbeit.

Altersgerecht und barrierefrei sind die Vorgaben für den Architekten. „Es ist aber auch wichtig, Gemeinschaftsflächen zu planen, wo sich die Menschen treffen können“, sagt Architekt Gernot Fritz, der von der ELAG beauftragt wurde. Die ELAG stellte die Hardware zur Verfügung, doch für die Umsetzung des Konzepts brauche es inhaltliche Begleitung, sagt ELAG-Vorstand Egon Peter Karl. Ohne die „Wohnkoordinatorin“ ist das nachbarschaftliche Konzept nicht vorstellbar. Sie hilft bei den praktischen Fragen des Zusammenlebens und unterstützt die Bewohner bei Konflikten.

„Wenn es Streit gibt, liegt das meist an zu hohen Erwartungen. Es geht um die Nutzung von Räumen und um den Wunsch nach Gerechtigkeit“, sagt Moser. Man brauche schon eine gewisse Großzügigkeit für diese Form des Wohnens. Wer sich darauf einlasse, genieße viele Vorteile der nachbarschaftlichen Unterstützung von Kinderbetreuung über den Semmerldienst, bis zu Einkäufen und handwerklichen Hilfen. „Es geht darum, aufeinander zu schauen, wie in einem Dorf“, sagt Palk. „Gemeinsame Anschaffungen von Werkzeug bis zum Fondue-Geschirr helfen, Geld und Platz zu sparen.“ Und auch das Feiern gehöre dazu.

In Engerwitzdorf ist die Wohnkoordinatorin für sieben Jahre bestellt. „Die Begleitung ist besonders am Anfang und in kritischen Phasen wichtig“, sagt Moser. Mit der Zeit würden sich aber die Bewohner viele Fähigkeiten für das nachbarschaftliche Miteinander aneignen. „Dabei lernt man für alle Lebensbereiche.“

Quelle: Oberösterreichische Nachrichten